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Orthostatische Dysregulation
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Die orthostatische Dysregulation (altgriechisch áœÏΞÏÏ orthos, deutsch âaufrechtâ und ÏÏÎŹÏÎčÏ stasis, deutsch âStehen, Standâ), auch Orthostase-Syndrom, umfasst Störungen des autonomen Nervensystems und des Herz-Kreislauf-Systems, bei denen als Leitsymptom aufrechte Körperpositionen wie Sitzen oder Stehen nur eingeschrĂ€nkt oder gar nicht toleriert werden.
Bei der orthostatischen Dysregulation liegt eine Fehlfunktion (Dysregulation) der Orthostase-Reaktion vor. Diese sorgt bei Gesunden dafĂŒr, dass das Herz-Kreislauf-System auch in aufrechter Körperposition alle Teile des Körpers mit ausreichend Blut versorgt. Durch die Fehlfunktion kommt es zu vielfĂ€ltigen Symptomen wie Schwindel, Herzrasen, Sehstörungen, Ăbelkeit, SchwĂ€che und Benommenheit, die zum Hinsetzen oder -legen zwingen, wodurch die Symptome teilweise oder vollstĂ€ndig nachlassen. Bei manchen Erkrankten tritt eine kurzzeitige Bewusstlosigkeit (Synkope) auf.
Die orthostatische Hypotonie und das posturale (orthostatische) Tachykardiesyndrom (POTS) sind eigenstÀndige Erkrankungen. Eine orthostatische Dysregulation kann auch als orthostatische Intoleranz bei Long COVID bzw. dem Post-COVID-Syndrom und der Myalgischen Enzephalomyelitis / dem Chronischen Fatigue-Syndrom (ME/CFS) auftreten.
Contents
⹠AusprÀgungen
âą Symptome
âą Diagnose
âą Basisdiagnostik
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
AusprÀgungen
Eine orthostatische Dysregulation manifestiert sich als orthostatische Hypotonie (niedriger Blutdruck in aufrechter Körperposition), posturales Tachykardiesyndrom (Herzrasen in aufrechter Körperposition) oder vasovagale Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit in Folge eines ĂŒberschieĂenden Vagotonus).cite-ref-1[1]cite-ref-2[2] Symptome orthostatischer Dysregulation, die ohne orthostatische Tachykardie oder Hypotonie auftreten, werden allgemein als orthostatische Intoleranz bezeichnet.cite-ref-3[3] Gleichzeitig wird orthostatische Intoleranz als Sammelbegriff fĂŒr Symptome orthostatischer Dysregulation verwendet. Eine orthostatische Intoleranz kann in eine PrĂ€synkope (GefĂŒhl drohender Bewusstlosigkeit) oder Synkope ĂŒbergehen.cite-ref-4[4]
Symptome
Die orthostatische Hypotonie kann orthostatische Intoleranz bewirken oder asymptomatisch sein.cite-ref-5-5-0[5] FĂŒr die Diagnose des posturalen Tachykardiesyndroms sind Symptome in aufrechter Körperposition (Sitzen oder Stehen) ein notwendiges Kriterium.cite-ref-03-6-0[6]
Die Symptome orthostatischer Dysregulation ĂŒberschneiden sich bei den jeweiligen Manifestationen. Charakteristisch ist, dass die Symptome in aufrechter Körperposition auftreten oder zunehmen.cite-ref-12-7-0[7]cite-ref-03-6-1[6] Bei einer Beteiligung des autonomen Nervensystems können unabhĂ€ngig von der Körperposition weitere Symptome vorhanden sein, die viele Bereiche des Körpers betreffen.cite-ref-8[8]cite-ref-22-9-0[9] Typischerweise sind die Symptome wechselhaft und morgens am stĂ€rksten ausgeprĂ€gt.cite-ref-32-10-0[10]cite-ref-11[11]cite-ref-12[12] ĂuĂere Faktoren wie warme Temperaturen und langes Stehen können die Symptome verstĂ€rken.cite-ref-12-7-1[7]cite-ref-13[13]
⹠Störungen der geistigen LeistungsfÀhigkeit (Brain Fog),
âą Schwindel,
âą Palpitationen (Herzklopfen),
âą Schmerzen wie Kopfschmerzen, Brustschmerzen oder Druck auf der Brust, Muskel- und Nervenschmerzen,
⹠Fatigue (eine starke EntkrÀftung),
âą Tremor (Zittern),
âą Belastungsintoleranz,
⹠ParÀsthesie (Missempfindungen der Haut),
âą Atemnot und Hyperventilation,
âą Magen-Darm-Beschwerden,
âą Temperaturregulationsstörungen wie HitzegefĂŒhl, verstĂ€rktes oder vermindertes Schwitzen, UnvertrĂ€glichkeit gegenĂŒber Hitze und KĂ€lte,
⹠Sehstörungen wie verschwommenes Sehen und Lichtempfindlichkeit,
⹠Schlafstörungen,
⹠VerÀnderungen des Appetits und Gewichtszu- oder -abnahme,
âą HautverĂ€nderungen wie âFlushâ.
Teilweise tritt in aufrechter Körperposition eine Akrozyanose auf: Die Haut der Beine verfÀrbt sich blÀulich-violett.cite-ref-14[14]cite-ref-04-15-0[15]
Die Symptome können mild ausgeprĂ€gt sein oder zu schweren BeeintrĂ€chtigungen und einer Behinderung fĂŒhren.cite-ref-42-16-0[16]cite-ref-32-10-1[10] Erkrankte verzeichnen hĂ€ufig eine EinschrĂ€nkung der LebensqualitĂ€t. Ein Teil der Betroffenen ist aufgrund der Schwere der Symptome arbeitsunfĂ€hig.cite-ref-42-16-1[16] Schwer Betroffene können eine liegende Körperposition nicht verlassen, ohne starke Symptome zu empfinden.cite-ref-17[17]
Diagnose
Zur Diagnose einer orthostatischen Dysregulation gehören eine Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese), ein Stehtest, körperliche Untersuchungen, ein Elektrokardiogramm (EKG), Laboruntersuchungen und ggf. ergÀnzende Untersuchungen des autonomen Nervensystems.
Basisdiagnostik
Bei Verdacht auf eine orthostatische Dysregulation wird in einer ausfĂŒhrlichen Anamnese unter anderem nach Symptomen orthostatischer Intoleranz, autonomen Symptomen, vorhandenen Erkrankungen und der Einnahme von Medikamenten gefragt.cite-ref-18[18]cite-ref-23-19-0[19] Ein Stehtest mit Blutdruck- und Herzschlagfrequenzmessung im Liegen und Stehen kann eine orthostatische Hypotonie und ein posturales Tachykardiesyndrom abbilden und bei entsprechender Symptomatik bereits eine Diagnose sichern. Durch regulĂ€re Schwankungen der Symptome ist jedoch ein falsch-negatives Ergebnis möglich.cite-ref-20[20] Daher wird bei bestehendem Verdacht und negativem Stehtest empfohlen, die Messungen an mehreren Tagen zu wiederholen und/oder durch eine Kipptischuntersuchung zu ergĂ€nzen.cite-ref-21[21] Eine morgendliche Messung fĂŒhrt zu möglichst genauen Ergebnissen.cite-ref-22[22] Mit körperlichen Untersuchungen, einem EKG und Laboruntersuchungen wird nach Ursachen und Begleiterkrankungen gesucht. AuĂerdem werden Differentialdiagnosen abgeklĂ€rt.cite-ref-23[23]cite-ref-24[24]cite-ref-25[25]
Bei der orthostatischen Hypotonie werden im Rahmen der Diagnostik verschiedene AusprĂ€gungen unterschieden.cite-ref-26[26] Auch bei dem posturalen Tachykardiesyndrom werden Untergruppen beschrieben.cite-ref-27[27] Empfehlungen sind hier bisher weniger eindeutig, da sich die Untergruppen ĂŒberschneiden und die Klassifizierungen variieren.cite-ref-28[28]
WeiterfĂŒhrende Untersuchungen des autonomen Nervensystems
In der Anamnese abgefragte Symptome geben bei der orthostatischen Hypotonie einen Hinweis auf eine mögliche Störung des autonomen Nervensystems.cite-ref-29[29] In diesem Fall kann eine autonome Funktionsdiagnostik folgen.cite-ref-30[30] Bei dem posturalen Tachykardiesyndrom kann autonome Funktionsdiagnostik ebenfalls sinnvoll sein.cite-ref-23-19-1[19] Sie wird zudem angeraten, wenn Symptome weiterhin unklar oder fortschreitend sind oder Patientinnen und Patienten nicht in der Lage sind, einen Stehtest durchzufĂŒhren.cite-ref-04-15-1[15]cite-ref-23-19-2[19] Die Schwere autonomer Symptome kann mit der Composite-Autonomic-Symptome-Score(COMPASS)-31-Skalacite-ref-31[31] erfasst werden.cite-ref-32[32] Mögliche Untersuchungen umfassen die Messung von HerzfrequenzvariabilitĂ€t und Blutdruck auf dem Kipptisch und unter Valsalva-Manöver, die Testung der Tiefatmung sowie der SchweiĂproduktion im Rahmen eines quantitativen sudomotorischen Axonreflex-Tests (QSART) und eine Hautbiopsie zum Nachweis einer Small-Fiber-Neuropathie.cite-ref-04-15-2[15]cite-ref-33[33] Bei dem posturalen Tachykardiesyndrom werden manchmal im Liegen und Stehen Katecholamine und andere Hormone, die den Blutdruck und das Blutvolumen beeinflussen, bestimmt.cite-ref-34[34]
Biomarker der orthostatischen Intoleranz in der Forschung
FĂŒr eine orthostatische Intoleranz ohne Hypotonie oder Tachykardie gibt es bisher keine in der Ă€rztlichen Praxis verfĂŒgbare Nachweismöglichkeit. Die Diagnose richtet sich nach der Beschreibung der Symptome.cite-ref-13-35-0[35] Eine orthostatische Intoleranz zeigt sich als Symptomenkomplex bei Long COVID bzw. dem Post-COVID-Syndrom und der Myalgischen Enzephalomyelitis / dem Chronischen Fatigue-Syndrom (ME/CFS).cite-ref-13-35-1[35]cite-ref-36[36] Als mögliche Biomarker werden Durchblutungsstörungen des Gehirns diskutiert.cite-ref-37[37]cite-ref-38[38]
Orthostatische Hypotonie
Formen der orthostatischen Dysregulation, die nach dem Aufrichten mit einem Blutdruckabfall einhergehen, werden als orthostatische Hypotonie oder orthostatische Hypotension bezeichnet.cite-ref-5-5-1[5]
Definition der orthostatischen Hypotonie
Die orthostatische Hypotonie ist definiert als deutlicher Blutdruckabfall innerhalb von drei Minuten nach dem Lagewechsel vom Liegen zum Stehen. Der systolische Blutdruck fÀllt um mehr als 20 mmHg oder auf einen Wert unter 90 mmHg absolut. Der diastolische Blutdruck fÀllt um mehr als 10 mmHg.cite-ref-5-5-2[5]
Epidemiologie der orthostatischen Hypotonie
Die orthostatische Hypotonie tritt ĂŒberwiegend im höheren Lebensalter auf. Bei circa 20 % der ĂŒber 65-JĂ€hrigen manifestiert sich eine orthostatische Hypotonie.cite-ref-39[39]
Formen der orthostatischen Hypotonie
âą Asympathikotone orthostatische Hypotonie Bei der asympathikotonen orthostatischen Hypotonie, auch hypoadrenergene orthostatische Hypotension, sinkt der systolische Blutdruck nach dem Lagewechsel um mehr als 20 mmHg und der diastolische Blutdruck um mehr als 10 mmHg. Die Herzfrequenz bleibt gleich oder ist erniedrigt.cite-ref-medizin-wissen-online-1-40-0[40]cite-ref-diehl-1-41-0[41] Ursache ist eine SchĂ€digung des autonomen Nervensystems, die zu einer unzureichenden oder fehlenden Aktivierung des sympathischen Nervensystems fĂŒhrt. Daraus resultiert der Verlust der Vasokonstriktion und des Anstiegs der Herzfrequenz.cite-ref-medizin-wissen-online-1-40-1[40]cite-ref-diehl-1-41-1[41] Die asympathikotone orthostatische Hypotonie hat hĂ€ufig einen chronisch-progredienten, therapeutisch schwer korrigierbaren Verlauf.cite-ref-medizin-wissen-online-1-40-2[40]cite-ref-diehl-1-41-2[41]
⹠Sympathikotone orthostatische Hypotonie Bei der sympathikotonen orthostatischen Hypotonie kommt es nach dem Aufrichten zu einem systolischen und diastolischen Blutdruckabfall um mehr als 20 mmHg und einer Steigerung der Herzfrequenz um mehr als 16 SchlÀge pro Minute.cite-ref-medizin-wissen-online-1-40-3[40] Ursache ist meist eine zentrale HypovolÀmie. Der Körper versucht, das fehlende Blutvolumen durch eine Erhöhung der Herzfrequenz, also durch eine sehr starke Aktivierung des sympathischen Nervensystems auszugleichen.cite-ref-medizin-wissen-online-1-40-4[40]
⹠Vasovagale Dysfunktion Die vasovagalen Dysfunktion (von lateinisch vas = GefÀà und Nervus vagus) wird auch als neurokardiale Dysfunktion oder neural vermittelte orthostatische Dysfunktion bezeichnet. Diese ist gekennzeichnet durch einen neurokardial reflexartig verursachten Blutdruckabfall mit verlangsamten Herzschlag und dadurch bedingter Minderung der Hirndurchblutung mit Bewusstlosigkeit nach lÀngerem Stehen.cite-ref-medizin-wissen-online-1-40-5[40]cite-ref-diehl-1-41-3[41]
Posturales Tachykardiesyndrom (POTS)
Das posturale Tachykardiesyndrom (lateinisch posture, deutsch âdie Körperhaltung betreffendâ), kurz POTS, wird auch als posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom bezeichnet und zeichnet sich vor allem durch Herzrasen nach dem Aufrichten aus.cite-ref-diehl-1-41-4[41]
Definition des posturalen Tachykardiesyndroms
⹠Anstieg der Herzschlagfrequenz um mindestens 30 SchlÀge in der Minute bei Erwachsenen und um mindestens 40 SchlÀge in der Minute bei Kindern und Jugendlichen innerhalb von zehn Minuten nach dem Aufrichten oder auf mindestens 120 SchlÀge in der Minute absolut,
âą Abwesenheit einer orthostatischen Hypotonie,
âą orthostatische Intoleranz ĂŒber mindestens drei Monate,
⹠Abwesenheit anderer Ursachen, die eine Sinustachykardie (Herzrasen) erklÀren können.
Epidemiologie des posturalen Tachykardiesyndroms
Das posturale Tachykardiesyndrom betrifft ĂŒberwiegend jĂŒngere Frauen. Die meisten Erkrankten sind zwischen 15 und 50 Jahre alt, 80 % sind weiblich.cite-ref-diehl-1-41-5[41] AussagekrĂ€ftige Daten zur HĂ€ufigkeit der Erkrankung fehlen.cite-ref-4-44-0[44] SchĂ€tzungen zufolge liegt die PrĂ€valenz zwischen 0,1 und 1 %.cite-ref-0-45-0[45] Pschyrembel gibt die PrĂ€valenz des posturalen Tachykardiesyndroms mit circa 0,2 % an, das entspricht etwa 160.000 Erkrankten in Deutschland.cite-ref-1-46-0[46] Es wird von einer Verdopplung der Erkrankten seit der COVID-19-Pandemie ausgegangen, da das posturale Tachykardiesyndrom als AusprĂ€gung von Long COVID auftreten kann.cite-ref-47[47]
Ursachen des posturalen Tachykardiesyndroms
Ein primÀres (idiopathisches) posturales Tachykardiesyndrom kann nach einer viralen Infektion mit z. B. dem Epstein-Barr-Virus, Influenzaviren oder SARS-CoV-2 aber auch nach einer bakteriellen Infektion mit z. B. Mycoplasma pneumoniae oder Borrelia burgdorferi auftreten.cite-ref-48[48]cite-ref-49[49]cite-ref-1-46-1[46] Ein sekundÀres posturales Tachykardiesyndrom tritt im Rahmen anderer Erkrankungen auf.cite-ref-1-46-2[46]
Das posturale Tachykardiesyndrom ist eine Störung des autonomen Nervensystems. Bei einem Teil der Erkrankten konnte ein Verlust von Nervenendigungen des sympathischen Nervensystems am Herzen (autonome kardiale Denervierung) nachgewiesen werden. Auch wurden erhöhte Noradrenalinwerte bei Noradrenalin-Transportdefekt oder das Auftreten von Acetylcholin-Rezeptor-Antikörpern bei einigen Betroffenen nachgewiesen.cite-ref-diehl-1-41-6[41]cite-ref-angst-50-0[50]cite-ref-51[51]
Beim posturalen Tachykardiesyndrom ist die periphere Vasokonstriktion insuffizient. Eine Störung des autonomen Nervensystems ist eine systemische Störung, die eine Vielzahl von unterschiedlichen Dysfunktionen auslöst. Diese Dysfunktionen sind ursÀchlich miteinander verbunden und beeinflussen sich wechselseitig. Das posturale Tachykardiesyndrom hat deshalb mehrere Symptome:
âą Eine gestörte Noradrenalinwiederaufnahme fĂŒhrt zu einer Funktionsstörung des sympathischen Nervensystems der unteren ExtremitĂ€ten.
⹠Durch eine gestörte Wasser- und Natriumretention durch die Nieren entsteht eine HypovolÀmie. Durch das Versacken des Blutes in den unteren ExtremitÀten beim Stehen (venöses Pooling) erreicht das verringerte zentrale Blutvolumen kritische Werte, die eine massive Baroreflexaktivierung mit entsprechender Tachykardie auslösen.
âą Durch eine VerĂ€nderung der DruckverhĂ€ltnisse in den BlutgefĂ€Ăen der unteren ExtremitĂ€ten ist die kapillĂ€re Filtration verĂ€ndert. Dadurch entweicht beim Stehen mehr FlĂŒssigkeit in das umliegende Gewebe, was wiederum die bereits bestehende HypovolĂ€mie weiter verstĂ€rkt.
âą Im Vergleich mit Gesunden ist bei Menschen mit einer posturalen Tachykardie im Stehen die Durchblutung des Gehirns stark vermindert. Das fĂŒhrt reflexartig zu einer vertieften und schnelleren Atmung (Hyperventilation), die wiederum Ursache fĂŒr eine Hypokapnie ist.cite-ref-diehl-1-41-7[41]
Begleiterkrankungen und Differentialdiagnosen des posturalen Tachykardiesyndroms
Das posturale Tachykardiesyndrom kann gemeinsam mit anderen Erkrankungen auftreten.cite-ref-1-46-3[46] Bisher ist unklar, ob es sich dabei um Untergruppen mit eigenstĂ€ndigen Ursachen und Entstehungsmechanismen handelt.cite-ref-02-42-1[42] In etwa der HĂ€lfte der FĂ€lle tritt das posturale Tachykardiesyndrom gemeinsam mit einer Small-Fiber-Neuropathie auf.cite-ref-52[52] Weitere hĂ€ufige Begleiterkrankungen sind unter anderem MigrĂ€ne, das Ehlers-Danlos-Syndrom, die Myalgische Enzephalomyelitis / das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS), das Mastzellaktivierungssyndrom und Fibromyalgie.cite-ref-2-53-0[53] Das posturale Tachykardiesyndrom kann auĂerdem eine Manifestation von Long COVID bzw. des Post-COVID-Syndroms sein.cite-ref-54[54]
RegelmĂ€Ăig wird fĂ€lschlicherweise eine Angststörung diagnostiziert, da sich die Symptome teilweise ĂŒberschneiden.cite-ref-55[55] Einige Betroffene haben zusĂ€tzlich eine inadĂ€quate Sinustachykardie (Herzrasen in Ruhe).cite-ref-3-56-0[56] Bei der inadĂ€quaten Sinustachykardie handelt es sich zudem um eine wichtige Differentialdiagnose.cite-ref-02-42-2[42] Auch andere Ursachen, die zu orthostatischer Tachykardie fĂŒhren können, mĂŒssen im Rahmen der Diagnostik ausgeschlossen werden. Beispiele dafĂŒr sind eine akute HypovolĂ€mie, AnĂ€mie, endokrinologische Erkrankungen wie z. B. die Nebennierenrindeninsuffizienz, Dekonditionierung oder Medikamentennebenwirkungen.cite-ref-02-42-3[42]
Prognose des posturalen Tachykardiesyndroms
Die Prognose des posturalen Tachykardiesyndroms ist schlecht beschrieben.cite-ref-0-45-1[45] In einer Studie gaben 80 % von 40 Erkrankten mindestens 18 Monate nach der initialen Untersuchung eine deutliche Besserung der orthostatischen Beschwerden an.cite-ref-diehl-1-41-8[41] Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Neurologie verweist auf eine Studie mit einer Spontanremissionsrate von 50 % bei jungen Erwachsenen in den ersten drei Jahren.cite-ref-57[57] Einer gemeinsamen Stellungnahme von Fachleuten der National Institutes of Health (NIH) ist hingegen zu entnehmen, dass zwar eine Gruppe der Betroffenen einen deutlichen RĂŒckgang der Symptome verzeichnet, ein GroĂteil jedoch einen chronischen Verlauf mit wiederkehrenden Zustandsverschlechterungen beschreibt.cite-ref-4-44-1[44] Eine Symptomverbesserung unter BehandlungsmaĂnahmen wird beobachtet.cite-ref-0-45-2[45]
Therapie des posturalen Tachykardiesyndroms
Bisher existieren keine zugelassenen Medikamente fĂŒr die Behandlung des posturalen Tachykardiesyndroms. Im Vordergrund steht ein nicht-medikamentöses Symptommanagement.
Patientinnen und Patienten wird eine Erhöhung der Salz- und FlĂŒssigkeitszufuhr empfohlen, um das Blutvolumen zu steigern. Mit Hilfe von Kompressionskleidung wird das Versacken des Blutes in den unteren ExtremitĂ€ten verringert. Faktoren, die zu einer Verschlechterung der Symptome fĂŒhren â wie beispielsweise Hitze oder langes Stehen â, werden gemieden. Sofern Patientinnen und Patienten nicht zusĂ€tzlich von einer post-exertionellen Malaise (Zustandsverschlechterung nach Belastung) betroffen sind, wird regelmĂ€Ăiges Ausdauertraining angeraten. Oft sind dabei angepasste Programme notwendig, die die orthostatische Intoleranz berĂŒcksichtigen.cite-ref-58[58] Bei einer vorliegenden post-exertionellen Malaise ist ein individuelles Energiemanagement (Pacing) indiziert.cite-ref-59[59]
Einzelnachweise
cite-note-33. â Svetlana Blitshteyn, Jonathan H. Whiteson, Benjamin Abramoff et al.: Multiâdisciplinary collaborative consensus guidance statement on the assessment and treatment of autonomic dysfunction in patients with postâacute sequelae of SARSâCoV â2 infection ( PASC ). In: PM&R. Band 14, Nr. 10, Oktober 2022, ISSN 1934-1482, S. 1272, doi:10.1002/pmrj.12894, PMID 36169154, PMC 9538426 (freier Volltext).
cite-note-44. â S1-Leitlinie Synkopen der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Neurologie. In: AWMF Online (Stand Januar 2020), S. 10.
cite-note-5-55. â S1-Leitlinie Synkopen der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Neurologie. In: AWMF Online (Stand Januar 2020), S. 13.
cite-note-88. â Steven Vernino, Kate M. Bourne, Lauren E. Stiles: Postural orthostatic tachycardia syndrome (POTS): State of the science and clinical care from a 2019 National Institutes of Health Expert Consensus Meeting â Part 1. In: Autonomic Neuroscience. Band 235, November 2021, S. 2, doi:10.1016/j.autneu.2021.102828, PMID 34144933, PMC 8455420 (freier Volltext).
cite-note-22-99. â Svetlana Blitshteyn, Jonathan H. Whiteson, Benjamin Abramoff et al.: Multiâdisciplinary collaborative consensus guidance statement on the assessment and treatment of autonomic dysfunction in patients with postâacute sequelae of SARSâCoV â2 infection ( PASC ). In: PM&R. Band 14, Nr. 10, Oktober 2022, ISSN 1934-1482, S. 1273, doi:10.1002/pmrj.12894, PMID 36169154, PMC 9538426 (freier Volltext).
cite-note-32-1010. â Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom (POTS), In: Pschyrembel Online, abgerufen am 16. Juli 2024.
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